Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit ist von einem kräftigen Gestus begleitet, dem kategorischen Imperativ der Aktualität.Was nicht aktuell ist, fällt dem Klick der Löschtaste anheim. Zur Marginalisierung unseres geschichtlichen Bewusstseins.
Es gibt viele Indizien für den Sachverhalt, der sich mit dem Titel eines Filmes von Alexander Kluge aus dem Jahre 1985 anschaulicher machen lässt: „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Zu diesem Makrophänomen gehören jene Bestseller, die bildungsfernen Menschen einen Schnellkurs in geschichtlicher Bildung verabreichen, ebenso wie die Tatsache, dass Studierenden mehr und mehr die Fähigkeit abhandenkommt, literarische Texte zu verstehen, die älter als zehn oder 20 Jahre sind. Das mag nicht zuletzt das Ergebnis all jener Bildungsreformen sein, die mit leichter Hand die Unterrichtsprogramme „entrümpelt“ haben. Kulturpessimistisch gesprochen, ist der westliche Mensch unserer Tage ein sekundärer Analphabet, kaum imstande, die Tiefenstruktur seiner Kultur eigenständig abzurufen.